Den Weg lieben

Vor ein paar Tagen, kurz nach dem Jahreswechsel, bekam ich einen Neujahrsgruß geschickt mit einem klugen Rat: Man muss den Weg lieben, der zum Ziel führt. Auf dem Weg ergeben sich die meisten glücklichen und einprägsamen Ereignisse. Das Ziel hingegen ist „nur“ ein Moment, wenngleich ein wichtiger, schöner und intensiver.


Als Läufer liebe ich den Weg: die Strecke durch den Wald, den kilometerlangen Asphalt auf der „Krone“ neben der Berliner Avus, den Uferweg entlang des Griebnitzsee. Ich liebe den Rhythmus der Schritte und die gleichmäßigen Atemzüge. Ich mag den Weg vom Anfang eines Jahres bis zum Frühjahr, auf dem sich nach und nach Form und Fitness entwickelt, mir gefällt die Routine und auch die Überwindung, die Anstrengung und die Erholung. Ich genieße die Vorbereitungszeit auf einen Wettkampf und freue mich ebenso, wenn die Zeit endlich reif ist, um an die Startlinie zu gehen. Das geht nun schon seit vielen Jahren so – der immer gleiche Kreislauf und doch immer wieder anders und vor allem wieder schön. Ich hätte es längst sein gelassen, würde ich es nicht lieben.


Nun scheint in dieser aktuellen Corona-Zeit dieser Kreislauf durchbrochen und natürlich fehlt es auch mir, das Laufen zumindest ein paar Mal im Jahr auf ein sportliches Ziel zu fokussieren. Seit fast einem Jahr gibt es nun keine Wettkämpfe, kein klassisches Um-die-Wette-laufen mit anderen, kein Lampenfieber vor dem Start, keine Freude und Erschöpfung beim Zieleinlauf. Es braucht Einsicht, Geduld und Akzeptanz, bis das wieder möglich ist. Auch das ist ein Weg. Diesen zu lieben, mit all seinen Pflastersteinen der Verordnungen und Einschränkungen fällt

Ich liebe den Weg mit all seinen Anstrengungen, Erlebnissen und Albernheiten.

nicht leicht. Aber ich liebe, was ich auf diesem Weg spüre: Durchhaltevermögen, Zuversicht, Mut, Rückhalt und Freude auf das was kommen wird: Auf das Anheften einer Startnummer, auf das Sinnieren, welche Schuhe ich anziehen soll, auf das Einreihen am Start, auf das ausgelassene Herumalbern mit Freunden nach einem Rennen. Bis dahin ist es noch ein Weg – länger als gewöhnlich, aber dennoch mit vielem was vertraut ist. Man muss den Weg lieben, der zum Ziel führt.

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