Mit Houdini in der Umkleide




Was ist das bloß mit den Sportklamotten? Wer denkt sich das alles aus? Ist das ein eigener Beruf, Sportgedönsdesigner? Lohnt sich offenbar, obwohl der Fall Jogginghose“ zeigt, dass die Weiterentwicklung eines Produkts völlig außer Kontrolle und schließlich konträr zu seiner Ursprungsfunktion verlaufen kann.

Also mit mir ist diesbezüglich nicht viel Umsatz zu machen. Ein Freund von mir outete sich neulich: Er trage zum Joggen bequeme Jeans, damit er sich, falls er schlapp macht, unauffällig in den normalen Fußgängerverkehr eingliedern kann. Ganz meine Strategie.

Also fast. Ein bisschen was Richtiges muss schon sein. Schuhe zum Beispiel. Ich habe es am Anfang in den Turnschuhen versucht, die mein Kind in der Oberstufe trug. Das Kind ist jetzt 27. Die Schuhe habe ich geerbt. Aber das ging dann doch nicht mehr. Die Fachverkäuferin im Sportladen war super. Sie ließ mich die neuen gründlich testen, immer schön die Straße rauf und runter. Ich lief also in

Büroklamotten und atemlos weil total untrainiert an Tischen voller Aperol-seliger Touristen vorbei, und in der Ladentür stand die Verkäuferin, eine ehemalige Profiläuferin, jetzt Laufschuhexpertin, und feuerte mich laut an: „Sehr schön, und jetzt noch die Oberschenkel mitnehmen!“


Wohin mit dem Schnoddertuch?


Also, Schuhe müssen sein, ist ja auch Unfallprophylaxe. Dazu Sportsocken, die weder rutschen noch scheuern. Was die Hose betrifft, brauchst du irgendwas mit Taschen. Schnoddertaschentuch und Hausschlüssel müssen ja irgendwo hin. Das zu finden war schon schwieriger: Aerodynamik ist Designern offenbar wichtiger als ein unfallfreier Zugriff aufs Tempotuch – aber ich will doch im Bedarfsfall nicht erst blind rumfummelnd einen am Rücken inne liegenden Reißverschluss öffnen

müssen.

Die größte Herausforderung für die Klamottendesigner scheint die Rubrik Sport-BH zu sein. Werden die jemals getestet? Von jemand anders als durchtrainierten und flachbrüstigen 18-Jährigen?Wenn du Glück hast, kriegst du ihn gar nicht erst an, und wenn du Pech hast, kriegst du ihn ohne ein Houdini-Entfesselungsteam nicht wieder aus. Ich habe jetzt ein Modell, bei dem ich vor dem Anziehen erst eine Stunde Yoga machen muss, damit ich mir beim Schließen der Tausend Häkchen

keine Muskelzerrung hole.


Schuhe vor der Haustür. Für das Gruppending.


Aber hey – es fühlt sich gut an, im Sportladen einzukaufen, auch wenn ich noch gut auf die raumfahrtgetestete Edition Terra-X verzichten kann. Ist ja auch so ein Gruppending: Man will dazugehören zu den Aktiven. Und wenn ich mal gar keinen Bock habe, stelle ich meine fetzigen Laufschuhe trotzdem vor die Haustür. Damit jeder sieht: Auch hier wohnt eine Läuferin.

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